Ausbruchsnetzwerke

Flucht in die Freie Zone des Eisenbahners Jacques Kapell :

« Ich wurde im Juni 1940 gefangengenommen und am 10. September im meiner Qualität als Lothringer wieder freigelassen.

Ich war mir ganz sicher, dass diese Freilassung nur erfolgt war, um mich später in die deutsche Armee einzugliedern. Während ich zunächst in meine Heimat nach Knutange zurückkehrte, das in der Nähe von Thionville im Departement Moselle liegt, kam mir die Idee, sobald ich fliehen könnte die neue Grenze und die Demarkationslinie zu überqueren und damit den Deutschen zu entkommen.

Ich brach am 2. März 1941 auf. Ich nahm etwas Kleidung zum Wechseln mit und mein Vater hatte mir alles noch verbliebene französische Geld gegeben, das sehr schwer zu beschaffen war. Nach zwei Stunden Marsch wurde ich von zwei deutschen Soldaten angehalten.

Ich erzählte ihnen, dass ich von der Fabrik in Wendel d'Hayange zu der in Moyeuvre geschickt worden war und dass, nachdem ich meinen Anschluss in Hagondange verpasst hatte, mich ein hilfsbereiter Mann bis Mallencourt mitgenommen und mir den Weg nach Moyeuvre gezeigt hatte, wohin es nur noch eine Viertelstunde Fußmarsch sei.

Ein der beiden Soldaten war extrem misstrauisch, er hörte nicht auf mich zu befragen und hoffte wohl, ich würde mich in Widersprüche verwickeln. In einer Kurve im Wald sagte mir der weniger misstrauische Soldat: « Siehst du diesen kleinen Weg, den nehmen diejenigen, die auf die andere Seite wollen, aber wir passen auf und niemand kommt durch ».

Dreihundert Meter vor Moyeuvre drehten sie sich um und nahmen ihre Patrouille wieder auf. Nach einigen Minuten kehrte ich um und ging, halb kriechend halb gebückt, auf dem kleinen Weg nach Joeuf, wo ich im Bahnhofshotel einen Unterschlupf fand. Am nächsten Tag ging ich ins Rathaus wo es mir gelang, einen Ausweis zu erhalten, der meinen Namen von Kapell in Capelle umwandelte, geboren und wohnhaft in Joeuf.

Schon am Nachmittag machte ich mich mit einigen Lebensmittelgutscheinen, die mir die Gastwirtin gegeben hatte, in Richtung Jura auf. Entlang des Weg begegnete ich einem jungen Mann, der ebenso wie ich in die freie Zone gelangen wollte. In Besançon haben wir gemeinsam einen Bus genommen. Wir sind an der nächsten Haltestelle ausgestiegen und in ein Café gegenüber der Haltestelle gegangen. Der Wirt sah uns lange und intensiv an. Wir saßen wohl etwa eine halbe Stunde, als ein Mann hereinkam, der erzählte, dass die Deutschen den Bus durchsucht und alle Jungen mitgenommen hätten.

Mein Begleiter und ich sahen uns an und unsere Unruhe muss sich auf unseren Gesichtern widergespiegelt haben. Der Wirt, der uns immer noch beobachtete, rief uns zu sich und bot uns an, uns in einem Schuppen zu verstecken.

Nach Einbruch der Dunkelheit holte uns ein Mann ab und führte uns quer über die Felder in ein abgelegenes Haus.

Am nächsten Morgen trafen wir den Mann, der uns zur Grenze führen sollte. Er riet uns, noch etwas zu warten, denn wir mussten einen Fluss über eine Furt überqueren. Aber im Augenblick herrschte noch Hochwasser.

Am dritten Tage versammelte uns der Passeur. Wir waren zehn oder zwölf, darunter auch zwei ausgebrochene Gefangene.

Um Mitternacht gingen wir los. Nach zwei Stunden Fußmarsch befanden wir uns vor einem Ort, der von einer hufeisenförmigen Straße umgeben war, auf der die Deutschen patrouillierten. Fünfzig Meter vor dem Wald sagte der Passeur: « Hier ist die erste Straße, die ihr überqueren müsst, dann geht ihr in den Wald, folgt dem kleinen Weg, der bis zum Bach führt, den ihr überqueren müsst, anschließend kommt ihr auf die andere Straße." Nach diesen Worten verließ er uns.

Die Durchquerung des Bachs war sehr schwierig. Das Wasser reichte uns bis zum Bauch und die Strömung war sehr stark. Wir mussten einem Jungen helfen, der seinen Vater begleitete. Eine halbe Stunde später überquerten wir die zweite Straße und gegen sieben Uhr morgens kamen wir zu einem kleinen Dorf, wo wir uns trennten. Ich für meinen Teil ging nach Lyon. Am 2. April 1941 verpflichtete ich mich für Nordafrika. Genau vor einem Monat hatte ich mein Zuhause verlassen. Zwei Monate später teilte man uns mit, alle Fahrten nach Afrika seien gestrichen. Also wurden wir befreit. »

Jacques Kapelle in Les cheminots dans la bataille du rail, Maurice CHOURY, Librairie Académique Perrin, 1970



Übergang nach Spanien

Maurice de Cheveigné erreichte das Freie Frankreich über Spanien :

« Drei Schotten sind im Sammelzentrum in Perpignan angekommen, Überlebende der 51st Highland Division, die von den Deutschen bei Saint-Valéry-en-Caux in die Enge getrieben wurde. Da ich englisch spreche, fragen sie mich, wie sie nach Spanien gelangen können.

Wir brechen zusammen auf. Unser Ziel: das englische Konsulat in Barcelona. Am 5. September 1940 steigen wir in Banyuls aus dem Zug. Die Karte zeigt uns den Weg nach Süden. Er führt in die Berge und besteht bald nur noch aus einer Piste. Am Morgen ist es eiskalt. Wir sehen vor uns Spanien, das nach und nach im Morgengrauen auftaucht. Es gibt keinen Weg mehr, nur ein Gewirr von Pfaden, die die Hufe der Schafe auf den Boden gezeichnet hatten. An einer Wegbiegung: Eine Patrouille von Soldaten, die uns sehr höflich hochnimmt.

Im Dorf bei der Guardia Civil. Wir bekommen etwas zu essen und zu trinken. Aber für die Nacht sperrt man uns ins Calabozo: ein kleiner Schuppen, der auf dem Dorfplatz als Gefängnis dient.

Am Morgen erwartet und der Bus nach Figueras, immer noch in Begleitung unser zivilen Garden. Man steckt uns über Nacht in eine Zelle. Der Großteil der Gefangenen ist von der republikanischen Armee.

Samstag, 14., wir ziehen um. Eskortiert von Soldaten klettern wir bis ins Castillo, eine Festung oberhalb von Figueras. Der Krieg hat hier seine Spuren hinterlassen. Man sperrt uns in die Kasematten, die noch stehengeblieben sind.

Viehwaggons erwarten uns am Bahnhof von Figueras. Lange Pause nachts auf dem Rangierbahnhof von Barcelona. Wir besteigen einen neuen Zug in Richtung Cervera. Eine Woche vergeht.

Zaragoza. Enormes modernes Gefängnis, noch voller als die anderen.

Am nächsten Tag, ein ähnlicher Zug; ein neues Team der Guardia Civil setzt uns um sechs Uhr abends in Miranda do Ebro ab. Hier gibt es ein von Soldaten bewachtes Arbeitslager.

Man rasiert uns die Haare ab. Man steckt uns in eine Holzbaracke. Wir schlafen, eingewickelt in eine dünne, schmutzige Decke, direkt auf dem Boden. Les gibt Läuse. Es regnet oft. Wir essen weniger und schlechter. Es gibt mehr Wasser und weniger Gemüse in der Suppe.

Morgens und abends, Appell und Flaggenzeremonie an der frischen Luft: Zu den Rufen « Es lebe Spanien! Es lebe Franco! » Man muss arbeiten. Am Morgen des vierten Tages: Fieber, Schüttelfrost von der Art Erdbeben, hübscher Schmerz in der rechten Seite: ein spitzes Messer zwischen den unteren Rippen. Ich wage nicht, zu atmen. Krankenrevier, Arzt: Rippenfellentzündung. Drei Wochen im Bett. Das Fieber lässt schließlich nach.

Und dann eines Tages, Transfer ins Hospital Militar Disciplinario von Pamplona, ein Krankenhausgefängnis. Am 4. Dezember kommt mich die Guardia Civil holen. Bewegender Abschied von meinen spanischen Freunden und von Marcel Moschos [junger Franzose, der nach einem Ausbruchsversuch zusammengeschlagen worden war].

Am Abend bin ich im Gefängnis von Zaragota. Nach vier Tagen wird endlich mein Name aufgerufen. Meine Bewacher bringen mich nach Puerta del Sol, wo wo sich die Seguridad General befindet.

17. Dezember 1940, geschafft! Erlesenes Dekor der Botschaft Ihrer Britischen Majestät. Weihnachtsessen. Stechpalmen, Misteln, Christmas Pudding, Orangen, Mandarinen, Knallbonbons… Um den Tisch herum sitzen zwanzig Personen, die es aus den Kerkern des Generalissimo heraus geschafft haben.

Vierzundzwanzig Stunden, um im Hafen von Algésiras anzukommen. Autobus bis an die Grenze von Gibraltar.

Am 5. Januar 1941, Ankunft auf der HMS Argus, einem Flugzeugträger. Um die U-Boote zu vermeiden, beschreibt der Konvois einen großen Bogen durch den Atlantik.

15. Januar 1941, der Konvoi hält seinen majestätischen Einzug in die Clyde. Die Ausländer werden als Gruppe zum Bahnhof von Glasgow gefahren und in den Nachtzug nach London gesetzt.

The Royal Victorian Patriotic School for Young Ladies, beschlagnahmt und als Sortierzentrum umfunktioniert, empfängt uns. Military Intelligence begutachtet mich freundlich von allen Seiten, erkundigt sich nach allem was ich weiß, was ich gesehen haben, wer ich bin. Interview anschließend durch seinen Gegenpart "Français Libre".

Der Major Churchill-Longman möchte wissen, ob ich mich den Engländern oder den Franzosen anschließen möchte. Das Phlegma, die Bestimmtheit, die Kohärenz - und der Humor! - der Nation machen aus den Briten eine wünschenswerte Truppe. Als Romantiker lasse ich vom Etikett "Français Libre" verführen: Franzose und frei, das sagt mir zu. »


Maurice de Cheveigné in Radio Libre