Gaston Charlet

  • "Durchhalten" das war das meist konjugierte Verb aller "derer" aus den Lagern.
  • "Durchhalten", das bedeutete, trotz der unzureichenden Rationen nicht vor Hunger zu sterben…
  • "Durchhalten", das bedeutete, auf den Baustellen, in den Steinbrüchen oder Stollen, im Wind, Schneesturm oder im strömenden Regen nicht vor Kälte zu sterben…
  • "Durchhalten", das bedeutete, nicht von zwei Karabinerschüssen aus einer Entfernung von wenigen Metern oder von einen gut gezielten Faustschlag eines Kapos in die Leber getroffen zu werden…
  • "Durchhalten", das bedeutete, nicht zusammen mit seinen Innereien in eine Ecke der Latrinen zu landen, weil dich die Ruhr voll erwischt hatte…
  • "Durchhalten", bedeutete aber mehr als alles andere, sich gegen die Trübsal im Geist, den Defätismus im Herzen und den Zweifel in der Seele zu wehren.
  • "Durchhalten", das bedeutete, zu denken: "Wenn ich hier raus bin", auch wenn es Eins zu Hundert stand, dass man davonkommen würde.
    Es bedeutete, sich zu sagen: "Das werden wir ihnen eines Tages heimzahlen", auch wenn man wusste, dass es nie so kommen würden.
    Es bedeutete, sich einzureden: "Ich habe keinen Hunger", auch wenn der Nahrungsmangel den Magen zerfraß: "Mir ist nicht kalt", wenn die Zähne klapperten... "Es tut nicht weh", wenn man die violetten Streifen der Riemen der "Schlague" ansah, die Arme und Rücken bedeckten.
  • "Durchhalten", das bedeutete, hartnäckig, gegen jedes bessere Wissen, gleichgültig was geschah zu widerstehen, seinen Glauben und seine Moral genauso wie die Knochen und die Haut darüber zu bewahren; seinen Idealen treu zu bleiben, von denen man bereits wusste, wie eng sie mit den Risiken verwandt waren.
    Ein Risiko, das über die Deportation hinaus gehen könnte, das die halluzinierende Angst vor dem Tod wachhielt.
  • "Durchhalten", bedeutete letztendlich "fortdauern wollen".
    Alle, oder zumindest fast alle, wollten das.
    Einige konnten, andere nicht.
    Bei den Letzteren war es vermutlich das Schicksal, das nicht einverstanden war.

Gaston Charlet in Camp de concentration de Natzweiler-Struthof, Comité national pour l'érection et la conservation d'un mémorial de la déportation au Struthof