« Ich kam aus Sachsenhausen und konnte mir schnell ein Bild über die Unterschiede machen, die zwischen den Lagern herrschten und die ganze Bedeutung dieser speziellen Bezeichnung erfassen, mit der sie uns klassifiziert hatten: NN (Nacht und Nebel). Sie hatten und schlicht uns ergreifend von der Liste der Lebenden gestrichen.
Natürlich erlangte Natzweiler traurige Berühmtheit durch die mehr oder weniger summarischen Hinrichtungen, die sogenannten medizinischen Experimente, seine Gaskammer und die Folterungen. Was uns aber am stärksten im Gedächtnis bleibt, ist die diese langsame und unaufhaltsame Ausrottung durch den körperlichen Verfall, der von den Anhängern Hitlers gewollt war, grausam dosiert, und der im Geist dieser Herren zum moralischen Verfall und zum Tod führen sollte. Das entsprach auch durchaus den Plänen von Kramer, dem unseligen Lagerkommandanten.
Muss man an die harte Arbeit erinnern, die schon für einen gesunden Menschen zuviel gewesen wäre, an den Mangel an Nahrung, die Brutalität der Wächter und einiger Kapos, an den Mangel an Erholung, das lange Stillstehen, die nicht enden wollenden Appelle zu jeder Tages- und Nachtzeit, die ermüdenden und unnützen Sonderdienste. Und das alles in einem Lager, das durch seine Struktur und seine geographische Lage allein schon eine Gefahr für unsere Gesundheit darstellte.
Muss man an den Typhus, die Tuberkulose, die Ruhr und andere Krankheiten erinnern, die unsere Kameraden dezimierten, ohne, dass wir Ärzte mangels Medikamenten etwas dagegen tun konnten.
Ja, es war ein starker moralischer Mut notwendig, um sein physiologisches Gleichgewicht zu behalten, das unter solchen Umständen ein Überleben ermöglicht. Glücklicherweise kam den Überlebenden ein wichtiger Faktor zur Hilfe: Freundschaft und Solidarität. Und wenn wir uns heute über ein Wiedersehen freuen können, dann, weil jeder unter uns mindestens ein Mal einen Kameraden gefunden hat, der ihm zum richtigen Zeitpunkt die Hand gereicht hat, sei es durch ein Stück Brot, durch ein wenig Hilfe oder ein einfaches Wort des Zuspruchs.
Diese Solidarität und diese Freundschaft haben die Unterschiede bei Überzeugungen, sozialen Klassen und vor allem auch Nationalitäten überwunden. Und wir sind stolz darauf, dass wir diese internationale Solidarität am Leben erhalten konnten, wie es die Anwesenheit meines Freundes François Faure zeigt, dem Präsidenten des internationalen Komitees von Natzweiler-Struthof, der hier unsere französischen, luxemburgischen, niederländischen, deutschen Freunde und viele mehr vertritt.
Wenn wir also noch eine Rolle in unseren jeweiligen Heimatländern zu spielen haben, dann die, ein Beispiel der Freundschaft und der Solidarität zu sein; den freiheitsliebenden Menschen guten Willens zu beweisen, dass es nicht nur möglich sondern auch notwendig ist, sich über philosophische Überzeugungen, soziale Klassen und Nationalitäten hinaus zu vereinen, damit unsere Kinder in einem vereinten Europa und einer friedlichen Welt frei aufwachsen können ».
Rede von Doktor Bogaerts, als er dem Präsidenten des belgischen NN-Freundeskreises von Natzweiler-Struthof, Maurice Bruyninckx, seine neue Flagge überreicht, veröffentlicht im KL Na, dem Bulletin des Freundeskreises "Amicale des Déportés et Familles de Disparus de Natzweiler-Struthof et ses Kommandos", Nr. 2, 1973.
Bogaerts war ehemaliger Deportierter von Natzweiler und Leiter des Krankenreviers von Frühjahr 1944 bis zur Evakuierung des Lagers.