« Wie ich in diese halluzinierende Anlage von Bergen-Belsen gekommen bin? Ich hatte mich mit 18 Jahren freiwillig gemeldet und im Juni 1940 auf Anraten meines Vaters Frankreich verlassen, um nach vielen Schwierigkeiten zu den alliierten Truppen in Großbritannien zu stoßen. Meine Fremdsprachenkenntnis hatte es mir ermöglicht, in eine kleine Aufklärungs-Panzereinheit zu kommen, die aus Briten, Kanadiern, Franzosen und Polen unter der Befehl von General Dempsey bestand.
Am Morgen des 15. April 1945 erhielt ich in meinem Scout-car (kleiner gepanzerter Wagen) per Funk den Befehl, mit einigen Kameraden und einem Lastwagen mit Lebensmitteln zu einem Regiment zu stoßen, das im Hafen von Bremen lag. Ich war sehr neugierig auf Grund dieses großen Lasters voller Lebensmittel. Es war das erste Mal seit meiner Landung in der Normandie (am Juno Beach), dass ich einen derartigen Befehl erhielt. Am selben Tag waren wir mit den Kameraden zügig unterwegs, als ich über Funk erfahre, dass ich mich so schnell wie möglich bei einem Offizier in einem Konzentrationslager melden soll, dessen Lage mir durch den Funkcode bestätigt wird. Nach meinen Karten befand sich dieses Lager zwischen Hannover und Hamburg. Als wir uns dem Lager näherten fiel mir als erstes dieser Geruch auf, es ist ein Geruch, den ich nie vergessen habe und bis heute nicht definieren kann. Er wird immer unerträglicher und beißt im Hals, ein fauliger Geruch, der einer Leichengrube, der erstickend über der ganzen Straße, den Wegen, Feldern und Wäldern hängt. In der Ferne erkennen wir einen Haufen gestreifter Lumpen, den wir schwer definieren können, später erfahre ich, dass es Leichen sind.
Wenige Minuten später waren wir am Ziel. Ich entdecke einen absoluten Albtraum: zum Skelett abgemagerte Körper, mit Lumpen bedeckt, einige nackt oder in schmutzige und löchrige Decken gewickelt, die Köpfe geschoren, die sich kaum bewegen konnten, blicklose, stumpfe Augen, Männer und Frauen, wenige Kinder. Die etwas glücklicheren, die mit einer Art blau und grau gestreiftem Schlafanzüge bekleidet waren, baten uns mit kaum hörbarer Stimme in verschiedenen Sprachen um Essen und Trinken: französisch, slawisch, polnisch, jiddisch, rumänisch etc. Ich sehe lebendige Tote.
Und das war noch nicht alles. An den Seiten der Baracken ein Haufen menschlicher Körper, bei dem es auf den ersten Blick schwierig ist, Frauen und Männer zu unterscheiden; an den Stacheldrahtzäunen hingen andere Körper, tot: Sie hatten versucht zu fliehen. Weiter in der Ferne verrotteten in Massengräbern die Leichen unter freiem Himmel. Ich laufe auf den schlammigen Wegen durch das Lager, in dem ich zweieinhalb Tage blieb, ohne zu verstehen, unfähig zu helfen.
Wenn ich mich richtig erinnere, kamen am Morgen des 17. April Spezialeinheiten, die eine allgemeine Desinfektion vornahmen. Am Vortag war es noch die Hölle, kein fließendes Wasser, kein Strom. Nachts erhellten die Scheinwerfer der Militärfahrzeuge einen Teil des Lagers, apokalyptische Vision lebender Schatten, Sterbende, die nicht schlafen konnten, und wo schlafen? Viele der Baracken sind zerstört, keine Stockbetten mehr, verbrannte Matratzen, keine Latrinen, ebenfalls zerstört.
Der Lagerkommandant ist Hauptsturmführer SS Joseph Kramer: er wird festgenommen, vor ein alliiertes Militärgericht gestellt, zu Tode verurteilt und sofort gehängt. Ich bleibe einige Stunden länger an diesem Ort, um zuzusehen, wie die deutschen Gefangenen und die Bewohner der Region gezwungen werden, die Kadaver aus diesem verfluchten Lager abzutransportieren und zu begraben. »
M. Zysman, Veteran der alliierten Streitkräfte 1939-1945, erzählt über die Befreiung des Lagers Bergen-Belsen, erschienen in Les Chemins de la Mémoire (Wege der Erinnerung), Juni 2000 anlässlich des 55. Jahrestags der Befreiung der Konzentrationslager.