Jean Matteoli

« Un jour comme les autres à Bergen-Belsen(Ein Tag wie jeder andere in Bergen-Belsen) », "Match", Sonderausgabe, 8. Mai 1945, 1995.

« Es ist ein Tag wie alle anderen in Bergen-Belsen. Manchmal geht eine Art Schauder durch die unförmige Masse der auf dem Boden liegenden Deportierten, die von Hunger, Durst und Müdigkeit am Ende sind. So schwach, dass sie weder aufstehen oder sich hinsetzen können. Es wird geflüstert, die englischen Truppen seien in der Nähe des Lagers. Man sagt sogt, gestern sei ein Schützenpanzer hereingefahren. Ist es wahr und wer hat es gesehen? Manchmal heben sich die Köpfe langsam, um sich dann wieder genau so langsam zu senken. Wir sind so müde.

Und doch, irgendetwas passiert heute. Seufzen, gestammelte Worte. Männer in Uniformen nähern sich. Mit einiger Mühe kann ich sie jetzt erkennen, es sind Engländer. Es gibt aber keine Zeichen von Enthusiasmus, keine Freudenschreie. Wir sind so müde. Die Soldaten kommen näher. Sie sehen mitgenommen aus. Sie können nicht glauben, was sie sehen.

Auf den fleischlosen Kadavern, die überall im Lager liegen, lehnen halb tot diejenigen, die wie ich wissen, dass sie bald sterben werden. Auf dem Boden liegen die Lumpen in ihrem eigenen Dreck, Kleider, die wir den Kadavern ausgezogen hatten, dreckige Decken, ein dichter Teppich, der sich ohne sichtbare Flamme verzehrt. Aus dem Rauch kommen hier und da schwarze Spiralen, die nach verbranntem Stoff und verbranntem Fleisch rochen, wie der Rauch der Krematorien in den Lagern, aus denen wir kamen. Am nächsten Tag kamen die britischen Offiziere und suchten diejenigen unter uns, die eine Rolle im Widerstand gespielt hatten. Ich stelle mich vor. Man hält mir ein Mikrofon hin. Später habe ich erfahren, dass meine Familie und meine Verlobte erfahren haben, dass meine Stimme über die BBC zu hören war. Wie hätten sie da nicht annehmen sollen, dass ich sehr schnell wieder nach Frankreich zurückkehren würde. Und doch mussten sie bis zum 30. Mai warten, bis ich wiederkam. Auch mich hatte die Typhusepidemie erwischt.

Es bleiben mir nur vage Erinnerungen an diese lange Periode, die bis zu meiner Rückkehr zum Leben und zur Freiheit verging. Zwischen kurzen bewussten Phasen, das völlige Vergessen.

Ich kann mich aber an eine ungarische Frau erinnern, die neben mir kniete und mir mit einem feuchten Tuch die Zunge abwischte, damit ich atmen konnte. Ich erinnere mich an einen Steintisch außerhalb des Lagers, auf den mich zwei deutsche Frauen ganz nackt legten, um mich dann mit viel kaltem Wasser zu waschen. Ich erinnere mich an den Tag, wo ich mich am Boden zu einem Raum schleppte, der mir sehr weit entfernt schien, um am Waschbecken etwas Wasser zu trinken. Ich erinnere mich auch an diesen Moment fürchterlicher Angst ein wenig später, als ich glaubte an einem Stück Brot zu ersticken, das ich in meinen Suppenteller getaucht hatte. Und ich erinnere mich an den Tag, an dem ich zitternd vor Schwäche das Gebäude, in dem ich überlebt hatte verließ, um zu einem Pferdestall zu gelangen, wo eine Rückführstelle eingerichtet war. Und dann sehe ich mich, wie ich mich weigere, amerikanische Kleidung anzuziehen, die mir englische Soldaten gegeben hatten. Ich sehe ihre Überraschung, und ihre Rückkehr mit einer Uniform der Royal Air Force, die für mich bestimmt war. Ich fühlte mich wieder wie ein Mann und ein Soldat. Ich sehe das Militärflugzeug, das uns mitnahm. Wir stiegen im strömenden Regen aus. Amerikanische Soldaten eilten herbei, und bestäubten uns von oben bis unten mit einem aggressiven Pulver. Meine schöne Uniform war vollständig mit einer weißen Kruste bedeckt. Ich hätte weinen können vor Frust.

Ich sehe mich im Hotel Lutétia, wo ich, wie alle die aus Deutschland zurückkehrten, eine misstrauische Befragung über mich ergehen lassen musste. Ich sehe die beiden Nonnen, die mich mit unendlichem Mitgefühl auf ein Zimmer brachten. Ich schlief einige Stunden. Als ich erwachte, standen die beiden Nonnen an meinem Bett. Sie trugen mit Liebe meine Uniform, die sie gesäubert und gebügelt hatten. Ich hatte meinen Stolz wiedergefunden. »