Denise Vernay

« Vom Grauen der Deportation ist viel gesprochen, geschrieben und gezeigt worden, wobei immer hevorgehoben wurde, des es unbeschreiblich ist. Die Schmerzen, die Kälte, der Hunger, der Durst, der Mangel an Schlaf, die unüberwindliche Misere, die man zu überwinden versucht, außer bei bleibenden Schäden, vergisst sie der Körper in einem unbewussten Raum.

Die Bilder bleiben für immer:

Die von Tausenden von Frauen in Zehnerreihen, stehend in der Kälte oder der Hitze, stundenlang bewegungslos in Erwartung der Sirene für das Ende des Appells, Bilder der immer dünner werdenden Mitbewohner, der unbekannten Toten, Bilder eines ausdruckslosen Gesichts, Bilder der übereinandergebauten Betten, die Jüngsten ganz oben, die weniger agilen, Älteren unten, die sich je nach Epoche zu zweit oder zu dritt einen 70 cm breiten Strohsack teilten. Es bleiben die Gesichter, die Silhouetten all derer, die nicht zurückgekommen sind. Sie sind nicht mit uns älter geworden. Es bleiben auch die Bilder des unendlichen Himmels über unseren nicht enden wollenden Appellen.

Eine relative aber reelle Solidarität ermöglichte mit etwas Glück das Überleben aller. Man half der Mutter, der Schwester, der engsten Freundin, dann den weniger engen, man teilte das Wenige was man hatte, auch seine Kraft, die aber mit allen und in diesem Fall war es wenig wirkungsvoll.

Es bleiben für mich, die es nicht verzeihen kann, alle diese aufgezwungenen und unmöglichen Entscheidungen: Mein Geist und nur zwei Hände, um einer immer größeren Menge erschöpfter Kameradinnen zu helfen: welche sollte man beim Dienst an den schweren Kannen des sogenannten "Kaffees" am Morgen ersetzen, welcher einen Zucker oder ein Aspirin geben, das Geschenk eines Kriegsgefangenen, den man bei einem Arbeitsdienst außerhalb zufällig getroffen hatte und das man trotz Androhung von zwanzig Schlägen oder Schlimmerem ins Lager geschmuggelt hatte? Ich gebe alles völlig der Gemeinschaft. Hätte ich dasselbe getan, wenn meine Mutter oder meine Schwester dabei gewesen wären?

Ich wünsche niemandem, sich jemals einer solchen Alternative gegenüberzusehen. »

Denise Vernay in Franc-Tireur, 23. August 1946