Pierre Sudreau

     

Interview mit Pierre SUDREAU, nach Buchenwald deportierter Widerstandskämpfer, ehemaliger Minister von General de Gaulle. Er begleitete den General 1960 anlässlich der Einweihung des nationalen Denkmals für die Märtyrer der Deportation zum Struthof.

Welches ist die "Lektion", die wir aus dem Grauen der Lager ziehen müssen?

Es ist immer schmerzlich, sich an einige Dinge zu erinnern. Aber meine Kameraden und ich sind der Meinung, dass wir noch weiter gehen müssen, denn es ist essenziell, dass wir die Lektionen der Deportation und des letzten Kriegs weitergeben. Europa, das mit Recht versucht, ein Beispiel für die Zukunft unserer Erde zu sein, hat dennoch zwei fürchterliche Kriege geführt, die die Menschen entartet haben. Es ist gut, dass die Überlebenden nicht zögern, nicht um ihre Erfahrung herauszustellen sondern um eine Nachricht zur Verteidigung der grundlegenden Menschenrechte zu übermitteln, insbesondere angesichts der fürchterlichen Methoden der Aggression, die sich überall verbreiten. Unzweifelhaft ist die Lektion der Lager wichtig, auch gegenüber dem Tod, denn der Mensch ignoriert meistens, dass er sterblich ist... Das Bewusstsein des Todes gibt uns das Bewusstsein, wie zerbrechlich das Leben ist. Was wir versuchen, ist eine Nachricht weiterzugeben, damit in Europa und überall auf der Welt, ein solcher Wahnsinn vermieden wird.

Was war die Motivation für Ihr Engagement 1940?

Ich gehöre zu der Generation Männer, die im Klima des Ersten Weltkriegs aufgewachsen ist. Im Mai-Juni 1940 konnten wir es nicht ertragen, unter der Herrschaft der Nazis zu stehen. (...) Als ich mich im Widerstand engagierte war meine Motivation total, wir haben mit allen Mitteln versucht, gegen die Besatzer zu kämpfen. Das war der Sinn des Widerstands zwischen 1940 und 1942.

Wie werden Ihre Aussagen heute gesehen?

Es ist gut zu sehen, welches Interesse die Berichte über unsere Deportation bei den jungen Menschen, vor allem bei den Schülern hervorruft. Aber das reicht nicht. Wichtig ist, zu erklären, dass die Umstände, in denen der Krieg und die Deportation stattgefunden haben, im wahrsten Sinne des Wortes außergewöhnlich waren. (…) [In den Lagern] kamen wir aus allen Bereichen… und den Nazis gegenüber standen wir Hand in Hand, um dem Schlimmsten gegenüberzutreten. Sprechen wir von Europa. Für die, die in den Lagern gewesen sind ist es sehr schwer, Grenzen zu überschreiten. Man muss versuchen, angesichts einer besorgniserregenden Zukunft einen Kontinent zu schaffen. Die Zeit der Erde ist begrenzt. (…) Der Mensch ruhmreich, hat aber noch nicht erfasst, dass der Planet empfindlich und dass der Mensch ein barbarisches Wesen ist, (…) das nicht aufgehört hat, die Atomwaffen zu verbessern.

Wie kann man heute gegenüber totalitären Versuchungen wachsam sein?

Der Mensch ist ein Tier. Er hat die gleichen Reflexe wie vor 20.000 Jahren! Wir müssen uns organisieren, um besser zu leben. Man muss vermeiden, dass Grenzen zu ständigen Konfliktquellen werden. Die Vereinten Nationen müssen besser organisiert werden. Die Überlebenden aus den Lagern werden bald alle tot sein. Man muss aber dafür sorgen, dass die Lektionen aus den Lagern weitergegeben werden, um die Fehler zu vermeiden und eine bessere Welt aufzubauen. Hier meine Aufforderung zur Wachsamkeit. In Erinnerung an die Lager und eine Anzahl von persönlichen Prüfungen habe ich diese Sätze geschrieben: "Haben Sie jemals ein Kind sterben sehen? (…) Welchen Blick hatten wohl die Millionen Kinder und Jugendlichen, als sie nach Tagen eines schrecklichen Transports, voller Angst, herumgestoßen, unter Geschrei und Schlägen und brutal von ihren Eltern getrennt in Auschwitz, in einer Umgebung von rauchenden Krematorien ankamen? Kann man diese industrialisierten Morde und die fürchterlichen Leiden vergessen? Niemals wurden in so kurzer Zeit so viele Leben mit einer solchen Mischung aus Grausamkeit, Fanatismus und technischer Fertigkeit vernichtet.

Leseempfehlung: Au delà de toutes les frontières
Paris, éditions Odile Jacob, 2002.

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